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Gemeindeportrait

mit freundlicher Genehmigung von Klaus Rösler – geschrieben für die Zeitschrift „Gemeinde“ – Dezember 2007

Liebe als Schlüssel zu den Herzen

Nicht nur der Name und seine Schreibweise ist ungewöhnlich: „projekt:gemeinde“. Auch das Gemeindeleben dieser Baptistengemeinde in der Krummgasse im 3. Bezirk von Wien unterscheidet sich von dem, was andernorts für Baptistengemeinden typisch ist – und das nicht nur in Österreich. Welche andere Gemeinde mit 44 Mitgliedern bietet an etwa zwei Sonntagen im Monat gleich drei Gottesdienste an? Und dann zu so ungewöhnlichen Zeiten? Die Kinder beginnen um 11.11 Uhr, ein Gottesdienst auf Persisch startet um 15 Uhr, der auf Deutsch um 18 Uhr. Und wenn man um 22 Uhr in der Gemeinde vorbei schaut, dann sitzen da immer noch einige Gemeindemitglieder und Freunde zusammen. Sie haben vorher miteinander gegessen. An jedem Sonntag. „Gemeinschaft spielt bei uns eine wichtige Rolle“, sagt Pastorin Andrea Klimt, die mit einer halben Stelle in der Gemeinde angestellt ist. Ihr Mann Walter, Generalsekretär des österreichischen Baptistenbundes, ist in der Gemeinde als ehrenamtlicher Pastor tätig. Und dann gibt es da noch den Bachelor-Theologen Jason Valdez als assoziierten Pastor. Zum Leitungsteam der Gemeinde gehören zusätzlich zwei Älteste und acht Diakone. „Wir wollen damit von Anfang an die Strukturen für eine große Gemeinde legen“, meint Andrea Klimt. Die Gemeinde soll wachsen.

Ungewöhnlich auch: Österreicher stellen in der Gemeinde nicht die Mehrheit. Die stärkste ethnische Gruppe stammt aus Afghanistan. Die meisten sind anerkannte Asylbewerber – und ehemalige Muslime.

Zum Hintergrund für diese Entwicklung. Die Gemeinde ist aus der Studentenarbeit des österreichischen Baptistenbundes entstanden. 1992 haben Andrea und Walter Klimt diese Arbeit begonnen. Drei Jahre später boten sie im Keller in jenem Haus, in dem auch die Bundeszentrale der Baptisten untergebracht ist, die ersten Gottesdienste für Studenten an. Aus dieser Initiative entstand die Idee, eine neue Gemeinde zu gründen. Mitte 2001 ist es tatsächlich so weit: Mit zwölf Mitgliedern wird diese Gemeinde gründet. Zwei Jahre später kommt die Gemeinde in Kontakt mit einem Flüchtling aus Afghanistan. Sie wurde geradezu darauf gestoßen. Da erhalten die Baptisten nämlich überraschend einen Anruf aus den Niederlanden. Da gebe es einen Asylbewerber, der in einem niederländischen Asylbewerberheim mit Baptisten in Kontakt gekommen sei, den es dann aber nach Wien verschlagen habe. Ob man sich nicht um diesen jungen Mann kümmern könne! Man konnte. „Das war für uns keine Frage“, so Andrea Klimt. Der Mann freut sich über die neuen Kontakte. Und er bringt Freunde mit. Ein kleiner Bibelkreis in persischer Sprache wird ins Leben gerufen. Schließlich sind 20 Afghanen zusammen, die sich alle für den christlichen Glauben entscheiden. Ein Ende dieser Entwicklung ist noch nicht abzusehen.

Letztlich zwei Gemeinden unter einem Dach? Die Gemeindeleitung sieht das nicht so. Man will bewusst eine Gemeinde bleiben. Deshalb feiern die Afghanen gemeinsam mit den übrigen Mitgliedern aus 11 Nationen einmal im Monat einen gemeinsamen Gottesdienst. Weil dafür der Keller längst zu klein geworden ist, wird ein Raum in der benachbarten Musikhochschule angemietet. Es gibt eine Simultanübersetzung der deutschen Predigt auf Persisch. Die Lieder werden in beiden Sprachen gesungen.

Das Leitungsteam hat versucht herauszufinden, warum die Gemeinde einen so starken Zulauf gerade von ehemaligen Muslimen verzeichnet. Ein junger Mann, Wahid, einer der beiden Leiter der afghanischen Gruppe, meint: „Ich bin Christ geworden, weil die Menschen in der projekt:gemeinde mich akzeptiert haben und mich und meine Familie lieben – so wie wir sind.“ Als Muslim habe er geglaubt, dass Christen seine Feinde seien. Doch die Christen in Wien hätten sich ihm gegenüber nicht feindlich verhalten, sondern ihn geliebt. Das habe ihn nicht mehr schlafen lassen.

Die Gemeinde hat sich das Motto gegeben: „Christus – vollerlebenswert“. „Weil unsere Gemeinde voller Leben ist, weil wir gemeinsam Werte entdecken und leben, und weil es wert ist, Christus zu erleben. Das kann in unserer Gemeinde geschehen“, so die Pastorin.
Ein Höhepunkt im Gemeindeleben ist die jährliche Freizeit über Pfingsten. Da lernt man sich vor allem gegenseitig besser kennen. Da werden auch neue Ideen geboren. Für die Zukunft ist etwa ein Wohnprojekt für Familien, Paare und Singles angedacht. Man will als Christen bewusst das Leben und auch den Alltag miteinander teilen.

Auch die Österreicher sollen nach wie vor erreicht werden. „Aber durch den starken Einfluss der katholischen Kirche auf die Gesellschaft sind viele kirchenmüde und christentumssatt geworden“, hat Andrea Klimt festgestellt. Allerdings gebe es inzwischen in manchen Gemeinden einen geistlichen Aufbruch, dort wo – wie in der Krummgasse – praktische Glaubenserfahrungen ermöglicht werden. In der Krummgasse gibt es dafür Gebetsstationen und Predigtnachgespräche, in denen die Besucher offen darüber sprechen können, wo sie von Gott besonders angesprochen worden sind.

Auch die Lebensfreude kommt in der Gemeinde nicht zu kurz. So steht alle 14 Tage ein Salsaabend auf dem Programm. Da tanzen die Gäste zu lateinamerikanischen Rhythmen und trinken Cocktails. Gemeindemitglieder laden zu diesem Abend ihre Freunde ein. Und man freut sich, wenn sie irgendwann auch im Gottesdienst auftauchen. Und so hält das Gemeindewachstum an – auch wenn es noch ein weiter Weg bis zu einer großen Gemeinde sein dürfte.

Klaus Rösler


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